Die bisher turbulenteste Woche in Australien. Ich war gefühlstechnisch ganz auf der Höhe und kurze Zeit später im tiefsten Loch namens Dalbeg Inn. Freut euch auf meine Achterbahn der Gefühle.

Der richtige Job


Endlich! Nachdem ich jetzt einige Zeit auf der Suche war schnelles Geld zu verdienen, hatte ich an diesem Morgen gleich zwei erfreuliche Nachrichten im Posteingang. Erste Möglichkeit: Eine Familie im Outback wollte mich für zwei Wochen als Au-Pair einstellen.

  • $300 Cash pro Woche
  • Babysitten bei den Nachbarn und somit extra Verdienstmöglichkeit
  • Flüge nach Mount Isa würden mir bezahlt
  • Die zwei Kids zwischen 4 und 7 Jahren beim Reiten und sonstigen Hobbies unterstützen
  • Eine Woche Abwesenheit der Eltern

Hört sich sehr gut an, aber es wären eben nur zwei Wochen.

Zweite Möglichkeit: ein Farmjob zwei Stunden von Townsville entfernt.

  • Leben im Dalbeg Inn – die »Website hört sich vielversprechend an
  • $21,77 die Stunde und Arbeit wird garantiert
  • Angeblich jede Menge Freizeitmöglichkeiten auf der Farm und in der Umgebung
  • Hauptsächlich Zucchinis ernten

Nach einigem Hin- und Her habe ich mich für das Dalbeg Inn entschieden. Es hörte sich nach einer fairen Farm an und durch die Nähe zu Townsville, könnte ich am Wochenende Chris besuchen – soweit der Plan.

Letzter Ausflug vor der harten Arbeit

Glücklich endlich eine Entscheidung getroffen zu haben, konnte ich mich auf unsere geplante Wanderung zum Fredericks Peak freuen. Luen, der uns auch zu den »Jourama Falls geführt hatte, plante uns auf einen Gipfel ganz in der Nähe von Townsville zu führen. Der Schwierigkeitsgrad sei ungefähr auf dem Level der Jourama Falls und wer sich ein Bild von der Wanderung mache wolle, könne sich vorher auf dem »Blog von Anna & Luen informieren.

Sun Set Frederick Peak

Da sich mein Körper von der letzten Wanderung mit unserem herrlich verrückten Australier wieder erholt hatte, konnten wir nun die nächste in Angriff nehmen.

Treffpunkt: JCU University.
Anzahl der Wanderer: 14.

Die Stimmung war schon am Treffpunkt herrlich. Wir warteten bis alle eingetrudelt waren und machten uns auf in Richtung Süden.

Verdammt, wir hätten Daggy unten stehen lassen sollen!

Chris war ordentlich am fluchen. Geteerte Straßen hatten wir schon lange verlassen aber gerade haben wir einen kleinen Autofriedhof durchquert. Luen war allerdings überzeugt, dass unser Van es noch ein paar Kilometer weiter schaffen würde. Somit ließen wir den Autofriedhof hinter uns und unser geliebter Van kämpfte sich durch extrem Van-feindliches Terrain.

Letzte Freiheit vorm Dalbeg Inn

Staub, Steine und schlechte Sicht.

Aber: Daggy schafft das!!! Wir haben sie einige Kilometer weiter durch’s Nichts geführt. Luen und sein Kumpel, die in ihren Allrad-Autos vor uns fuhren, hielten endlich an. Hier sollten wir und die anderen im Mietwagen – der ebenfalls kein Allrad-Antrieb hatte – parken und für die restliche Strecke auf eines der Allrad-Autos springen. Gesagt getan. Ab auf’s Dach und weiter ging die holprige Fahrt.

Fahrt zum Fredericks Peak

Einige Nahtod-Erfahrungen später ging es zu Fuß weiter. Wir wussten, dass der Weg zur Camping-Area nicht weit war aber mit Sack und Pack steil bergauf zu laufen geht dann doch ziemlich an die Kondition. Wir schwitzten und rutschten und jammerten aber: nach circa 1,5 Stunden hatten wir unser Tagesziel erreicht. Genau zwischen zwei Gipfeln mit perfektem Blick auf Townsville schlugen wir unser Lager auf.

Townsville bei Nacht

Gedanken zur Farmarbeit im Dalbeg Inn

Meine Gedanken schweiften immer wieder zum Dalbeg Inn und meiner bevorstehenden Farmarbeit.

Man hört viele Geschichten von sehr schlechten Bedingungen auf Farmen.

Ich machte mir Sorgen, dass auch ich auf so einer landen würde. Diese schien allerdings irgendwie seriöser, ein „HR-Team“ schickte mir regelmäßig alle Details. Ich schaute mir die Lichter von Townsville an und mir wurde bewusst, wie sehr die Stadt mein Zuhause geworden ist. Allein der Gedanke, sie bald zu verlassen machte mich traurig. Naja, ich würde sie ja an den meisten Wochenenden wieder sehen…

Gipfelstürmer

Nach einem lustigen Abend am Lagerfeuer und einer weniger bequemen Nacht im Zelt, ging es am nächsten Morgen los Richtung Gipfel. Was soll ich sagen? Es war wie bei den meisten Wanderungen hier. Ab durch’s Dickicht.

Ständig lauert der Abgrund direkt neben einem.

Ein falscher Schritt und man fällt tief. Mir gefiel diese Wanderung allerdings etwas besser als die zu den Jourama Falls, da man immer ein wenig klettern musste. Beim Klettern hat man mehr Halt als wenn alles nur dichter Busch ist. Es war etwas vergleichbar mit unserer ersten »Rock Hopping Tour.

Blick vom Fredericks Peak

Absolut beeindruckend: der Moment, in dem man die letzten Büsche hinter sich lässt und halb Queensland unter einem zum Vorschein kommt. Wir hatten einen grandiosen Ausblick!!! Es war die Gedanken-Kombination aus: „Oh mein Gott, ich habe es echt hier hoch geschafft“ und „Wow, wie wunderschön ist dieses Land eigentlich“, die mir absolut den Atem verschlagen hat. Ich lasse das Bewegtbild mal für sich sprechen:

No risk no fun

Auf dem Weg zurück war es diesmal Chris, der sich auf den Hintern gesetzt hat. Er ist auf die Hüfte gefallen und hatte ähnliche Schmerzen, wie ich beim letzten Mal.

Diesmal war ich diejenige, die hilflos zusehen musste, wie er sich auf den Hosenboden setzt.

Er hat eine ordentlich Schürfwunde abbekommen, fühlt sich jetzt aber schon wieder besser. Das zeigt einfach, dass die Wanderungen die wir hier machen nicht ungefährlich sind. Also wieder meine Bitte: niemals alleine und ohne erfahrende Einheimische machen!

Wandern zum Frederick Peak

Für mich wurde es Zeit, sich mental auf das Dalbeg Inn einzustellen. Was würde mich erwarten? Was brauche ich noch? Den ganzen Sonntag habe ich damit verbracht, Dinge zu organisieren. Vorräte kaufen, Hut, lange Hosen, günstige Schuhe für’s Feld. Dann hieß es Abschied nehmen von Chris. Ich hasse Abschiede!

Willkommen im Dalbeg Inn

Der Weg war weit! Ich fuhr durch Kilometerlanges Nichts! Die Wegbeschreibung besagte, dass die Farm 30 Minuten von dem Dörfchen Clare entfernt ist. Das stimmt nur, wenn man die kleine Straße mit 120kmh entlang heizt. Ich brauchte von Clare aus fast eine Stunde, bis ich das ausgeblichene Blech-Schild der Farm am Straßenrand erkannte. Als ich das Haus betrat, rief eine der Arbeiterinnen die Chefin, da sie nichts von meiner Ankunft wusste. Die Chefin kam mit den Worten: „What’s the problem“ grimmig aus ihrem Back Office. Ich erklärte, dass ich gerade angekommen sei und sie antwortete:

So what?!

Ich war völlig perplex und erklärte, dass ich mich nur melden wollte und wissen wollte, wohin ich gehen muss. Die Arbeiterin übernahm und versicherte mein Bett so schnell wie möglich fertig zu machen. Damit verschwand auch die Chefin und ich stand dort, im kleinen, wahnsinnig teuren Shop des Dalbeg Inn.

Wenige Minuten später wurde ich zu meinem „Zimmer“ geführt. Es war ein dreckiger, dunkler Container, in den vier Betten und zwei Kühlschränke gequetscht wurden. In der Gemeinschaftsküche saßen Vögel und pickten in Essensresten. Fliegen und Ameisen überall. Neben den Zimmern war die „Recreation Area“: ein paar Paletten mit alten Kissen. Überall flogen Bierdosen und Zigaretten-Stummel herum.

Welcome to the concentration camp!

In the Dalbeg Inn you should forget about all your human rights!

#12 years a slave

Das waren die ersten Willkommens-Grüße, die ich von meinen Kollegen bekam. Nach der Begrüßung konnte ich mir das nur zu gut vorstellen! Bevor ich jetzt anfange einen Roman zu schreiben – was ich nach nur zwei Tagen dort locker tun könnte – gebe ich euch einfach einige Stichpunkte:

  • Man zahlt $180 pro Woche, um in einem unbequemen Bett und mit 2 – 14 Leuten in einem Container zu schlafen

  • Arbeitspläne gibt es gegen 8 Uhr abends
  • Freie Tage gibt es nur ganz selten und wenn, erfährt man es auch erst um 8 Uhr abends des Vortages
  • Die ersten Wochen gibt es nur wenige Stunden, man arbeitet 2 Stunden, wartet 4 Stunden und arbeitet dann wieder 2 Stunden
  • Einzige Einkaufsmöglichkeit: der überteuerte Farm-Shop
  • Wegen der wirren und spontanen Arbeitsverteilung gibt es nur selten die Gelegenheit, im eine Stunde entfernten Ayr einkaufen zu gehen
  • Am Anfang hat man also Glück, wenn man kein Minus-Geschäft macht
  • Teilweise ungenießbares Wasser – die eine Nacht, die ich dort verbracht habe, war die Toilette dauerbesetzt
  • Unberechenbare und furchteinflößende Chefin inklusive
  • Keine Rückerstattung der $180, wenn man eher geht

Die Arbeit an sich ist eben Farmarbeit, da kann man nichts schön reden. In meiner Schicht haben wir Zucchinis geerntet. Ist die Haut nicht komplett bedeckt, bekommt man einen schmerzhaften Ausschlag. Der untere Rücken tut bereits nach kürzester Zeit extrem weh. Die Chefin kommt regelmäßig auf’s Feld und kontrolliert jeden einzelnen Arbeiter. Ich habe gehört, dass sie regelmäßig Drohungen ausspricht, wenn Leute zu langsam pflücken und mit der Geschwindigkeit des Traktorfahrers nicht mithalten können.

Ich würde euch liebend gern Fotos zeigen aber ich denke, das könnte Probleme geben, deshalb lass ich es lieber.

Mein Tipp →

Seid bei der Wahl eurer Farmarbeit sehr vorsichtig!
 Wenn möglich sprecht erst mit Leuten, die dort bereits gearbeitet haben.

Vor diesem Job wurden mir bereits zwei andere Plätze in Working-Hostels angeboten. Diese habe ich vorher allerdings ordentlich unter die Lupe genommen und nur grauenvolle Nachrichten im Internet gefunden. Deshalb habe ich beide abgesagt. Vom Dalbeg Inn konnte ich nicht viel finden und der erste Kontakt kam sehr professionell rüber, deshalb habe ich mich dafür entschieden. Fakt ist, dass eigentlich nur diejenigen, die wirklich dringend ihr 2nd Year Visa brauchen drei Monate dort aushalten.

Dalbeg Inn: Nie wieder!

Für mich persönlich gab es keinen Grund, länger im Dalbeg Inn zu bleiben. Chris und ich haben vor einigen Wochen eine Ananas-Farm in der Nähe von Townsville besucht und dort mit den Backpackern gesprochen. Die Bedingungen dort sind deutlich fairer und die Arbeiter sprechen hauptsächlich positiv von ihrer Arbeit. Die Saison startet erst im Oktober richtig, von daher werden wir versuchen, ab dann dort einen Job zu bekommen.

Adiós Traumwelt

Unsere ersten zwei Monate in Australien waren eigentlich wie ein Traum. Alles war so wunderschön und es fühlte sich an, wie ein Paradies. Es ist aber so, wie es immer ist: fängt der Ernst des Lebens an, ist es auch im Traumland nicht einfach. Ja, es ist relativ einfach hier Farmjobs zu finden und Geld zu verdienen. Nein, es ist kein Zuckerschlecken!

Ich bin gern bereit hart zu arbeiten aber ich hasse es, unfair behandelt zu werden und für ausschließlich gierige, profitorientierte, menschenverachtende Chefs zu arbeiten. Wenn ich jemandem auf seiner Farm unterstützen soll, gib mir faire Arbeitsbedingungen und eine menschengerechte Unterkunft. Fertig. Ende. Aus.

Mal schauen, was sich in nächster Zeit noch so ergibt.

Viele Grüße,

Eure Christina

»Ich bin Christina 

Schön, dass ihr mit mir nach Australien reist! Erlebt Down Under, seine Bewohner und ihre Geschichten durch meinen Blog. Profitiert vom Erfahrungswert meiner Australien-Experten und taucht ein, in die Schönheit des Roten Kontinents. 

2017-08-08T12:26:54+00:00

5 Comments

  1. Sabine 15. September 2016 at 18:36 - Reply

    Hi Christina,

    o man, das hört sich echt arg an! Wie schade, dass Du direkt auf Deiner ersten Farm so schlechte Erfahrungen machen musstest! Wir haben in Australien ebenfalls auf Farmen gearbeitet – zum Glück landeten wir beide Male absolute Volltreffer! Es gibt also zum Glück auch gute, fair bezahlende & dankbare Farmer!

    Wir drücken Dir die Daumen, dass Du beim nächsten Job mehr Gück hast!

    Liebe Grüße,
    Sabine & Uli

    • On Brink 16. September 2016 at 3:11 - Reply

      Liebe Sabine,

      ja, als erste Erfahrung war das echt etwas fies, jetzt schreckt man natürlich erstmal etwas zurück vor Farmarbeit. Wo hattet ihr die Farmen denn gefunden, waren sie auch irgendwo in Queensland? Es ist auf jeden Fall schön zu hören, dass es auch noch genügend faire Farmer gibt!

      Vielen Dank!

      Ganz liebe Grüße,

      Christina

      • Sabine 16. September 2016 at 16:07 - Reply

        Liebe Christina,
        eine der beiden Farmen war an der Grenze zwischen NSW und Victoria und die zweite was in Central Queensland – auf der Höhe von Rockhampton, etwa 300 landeinwärts und damit mitten im Outback. Von dort wäre es leider natürlich etwas weiter bis nach Townsville.

        Viel Glück!
        Liebe Grüße,
        Sabine

  2. Conny 18. September 2016 at 21:13 - Reply

    Hallo Christina, es war die richtige Entscheidung, auf diesen Job zu verzichten. Solche Arbeitgeber darf man nicht unterstützen . Schlimm genug, dass Einige aus finanzieller Not dort arbeiten müssen. Du findest bestimmt noch einen passenden Job. Ich drücke dir die Daumen!😋 Liebe Grüße aus Berlin, freue mich schon auf weitere interessante Berichte von euch. Conny

    • On Brink 20. September 2016 at 8:20 - Reply

      Liebe Conny, danke für den Zuspruch. Man fühlt sich ja doch immer irgendwie schlecht und so, als würde man aufgeben. Bei den Bedingungen dachte ich mir dann aber auch: „Ne, das muss ich mir nicht antun.“ Wir werden jetzt erstmal einen schönen Road Trip machen und dann nochmal das Thema Job angehen. Ich denke auch, dass sich noch etwas passendes finden wird. Ganz liebe Grüße in die Heimat! Christina & Chris

Leave A Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.